Eine häufig gestellte Frage in meinem Berufsleben als Sprecher ist: „Wie werde ich Sprecher?“ Da ich es pragmatisch mag, gebe ich bei dieser Frage gerne immer die Antwort: „Sprecher wirst Du, indem Du es einfach bist“. Fragezeichen in den Gesichtern. Muss man denn keine Ausbildung oder sowas machen? – Nein muss man nicht. Hier die fünf größten Missverständnisse zum Beruf des Sprechers.
Missverständnis 1: „Ein Sprecher muss ein Schauspieler sein“
Ich lese immer wieder von dem Märchen, dass Sprecher eine Schauspielausbildung gemacht haben müssen. Das ist schon ewig nicht mehr so. Sicher: Schauspielcoachings helfen – aber sie sind kein Muss. Hören Sie sich die ganzen Sprecher im Bereich der Radiowerbung an. Ganz ehrlich: reden wir hier von großer, epochaler Kunst, die in ihnen die Tränen der Rührung in die Augen treibt – oder: reden wir hier doch eher von einem Sammelbecken schöner Verkäuferstimmen!? – Eben. Also: Schauspieltraining ist für einen Sprecher wünschenswert – aber eine Zugangsvoraussetzung ist es nicht.
Missverständnis 2: „Ein Sprecher braucht eine schöne Stimme“
Finden Sie die Stimme von Spongebob schön!? – Also: ich nicht. Ich finde sie sehr interessant und lustig – aber „schön“!? Nein. Ein erfolgreicher Sprecher zeichnet sich vor allem durch den Umgang mit seiner Stimme aus. Auf den Werbemarkt übertragen würde das vielleicht bedeuten: wenn sie tatsächlich mit ihrer Stimme Geld verdienen wollen, dann überlegen Sie sich ein gescheites Vermarktungskonzept. Ich habe gelernt – so bitter es manchmal auch ist: ALLES – wirklich Alles – funktioniert irgendwie irgendwo. Das gilt auch für Stimmen. Nehmen wir Regina Zindler. Die Frau aus dem Raab-Song „Maschendrahtzaun“ hat alles, was Ihnen jeder Sprechtrainer mit dem Prügel austreiben würde: einen starken dialektischen Überhauch, eine unmögliche Aussprache und kein Gefühl für Situation. Aber: in den Neunzigern kam wirklich Keiner über ihr stumpf gesprochenes „Maschendrahtzaun“ vorbei. Klar: wenn Sie so eine Stimme haben, können Sie nicht damit rechnen, von Tonstudios überrant zu werden – Aber: selbst das ist möglich – wenn Stefan Raab sie nur entdeckt.
Missverständnis 3: „Sprecher ist gleich Sprecher“
Es gibt den Kommentator, den Off-Sprecher, den Synchronsprecher, den Moderator, den Nachrichtensprecher, den Reporter und vieles mehr. Alles Menschen, die mit ihrer Stimme Geld verdienen – und dennoch könnte der Beruf nicht unterschiedlicher sein. So hat ein Reporter beim Radio ein völlig anderes Verständnis von seinem Text, als ein Synchronsprecher. Der Reporter denkt sich „So, dann sprech ich noch mal eben den Text“ – ein Synchronsprecher denkt sich „Ich versetze mich jetzt in eine Situation, atme tief durch, und bin jemand Anderes“. Beide Sprecher-Typen wären im jeweils anderen Beruf völlig deplatziert – es liegt an der Art, wie sie an ihren Text heran gehen. Wie der Hörer es fände, wenn David Nathan plötzlich eine Sportreportage macht, werden wir nie heraus finden. Ich glaube jedoch, dass der Hörer recht irritiert wäre. Weil es nicht zu einem Radiosender passt. Ich hatte eingangs ja schon zart angedeutet, dass es keinen Königsweg zum Sprecherberuf gibt. Die Vielzahl der Möglichkeiten mit seiner Stimme Geld zu verdienen, ist der Grund dafür.
Missverständnis 4: „Synchronsprecher verdienen viel Geld“
Es wäre gerechtfertigt, ist aber nicht so. Tatsache ist, dass es überhaupt ganz wenige Sprecher gibt, die von Ihrer Kunst leben können. Und bei Synchronssprechern sind die Honorare besonders schlecht. Klar: auch hier gibt es Ausnahmen. Doch besonders lukrativ ist immer das, was keine große Kunst erfordert: es ist die liebe Werbung. Es gibt nichts im Sprecherbereich, was so gut bezahlt wird. Wer also mit seiner Stimme annähernd die Chance auf finanziellen Erfolg haben möchte, kommt um Werbung nicht herum. Merken Sie sich Ihren neuen Berufswunsch: nicht Synchronsprecher, nein, Werbesprecher möchten Sie werden.
Missverständnis 5: „Als Sprecher brauche ich eine Agentur“
Blödsinn.
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